| Music
Interviews: Terrorgruppe
|
So, jetzt geht’s los, stell dich doch erstmal vor: Johnny:
Guten Tag, mein Name ist Bottrop und ich spiele Gitarre bei der Terrorgruppe. Johnny:
Ach ne, die Hosen finden wir immer noch nett. Das lustige ist ja, dass
man die Leute auch so abseits von Konzerten immer mal trifft, irgendwo
in Kreuzberger Bars oder am Flughafen beim Einchecken. Das ist immer lustig,
da freue ich mich immer, so habe ich ja Campino auch in den letzten zwei
Jahren zweimal auf dem Wie läuft denn eure Tour bisher, ist ja die letzte. Ist es da sentimentaler von Eurer oder der Publikums Seite? Schwimmt da ein bisschen Melancholie mit? Johnny: Ja natürlich. Nach der Show in Wien wird erstmal geweint. Ist das jetzt eure definitiv letzte Tour oder macht ihr erstmal Pause und macht dann wie viele andere Bands dann jedes Jahr eine „definitive Abschiedstour“? Johnny:
Das ist jetzt ein richtiger Cut aber es wird nur heißen, dass die
restlichen Dinge natürlich zunehmen werden. Wir haben gute Ideen
und total viele Sachen im Kopf gerade und jetzt haben wir vielleicht mal
die Zeit, zwei Jahre mal richtig kreativ zu sein. Touren ist ja nichts
anderes als Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Man liest ja immer
Tourberichte in Fanzines, aber eigentlich müssten die so aussehen:
„Dann kamen wir am Laden an. Da haben wir dann eine Tonne Anlage
und Lautsprecher ausgeladen. Dann haben wir irgendwann gespielt. Später
haben wir die ganzen Lautsprecher und Boxen wieder genommen und wieder
eingeladen in den Bus. Dann ist der Bus losgefahren. Und das dann jeden
Tag“. Was macht ihr jetzt, wenn ihr nicht mehr auf Tour geht? Wollt ihr Euch verstärkt um euer Label kümmern oder mehr produzieren, wie z.B. die letzte Movement-Platte? Johnny: Wir machen alle ja andere Sachen, wir haben ja nie ausschließlich von der Band gelebt. Steve Machine ist ein ziemlich gefragter DJ in Berlin, Archi hat ja jetzt die zweite Movement Platte produziert und wird bestimmt auch andere Bands produzieren. Außerdem ist er Cutter, macht also auch Videoclips. Er hat ja unseren letzten Clip „Fischertechnik“ gemacht und will auch für andere Bands noch Clips machen. Ich mache das Label Aggropop auf Destiny Records, da bin ich auch. Das hat aber nicht soviel zu tun mit den Sachen für die Band. Mit der Band stellen wir uns vor, unsere Doku-DVD fertig zu machen, an der wir seit 2,5 Jahren arbeiten. Die wollen wir endlich mal fertig kriegen, wird aber noch etwas dauern. Dann arbeiten wir auch an neuen Liedern und dann wollen wir schauen, wie wir die übers Internet billig verkaufen können. Da müssen wir schauen, wie das mit der GEMA geht, weil wir eben sehr niedrige Preise anstreben. Dann soll noch eine zweite Liveplatte irgendwann mal erscheinen, mit einer Live-DVD und außerdem will Archi mal einen Film machen, wobei das bestimmt noch mindestens zwei Jahre dauert. Dann wollen wir schauen, dass wir mit der Hedonistischen Heilsfront mehr machen, also damit verschiedene Veranstaltungen durchführen und sie auch als Religionsgemeinschaft registrieren lassen. Dann könnten wir uns vorstellen, ein paar Aufnahmen zu machen wie die ersten beiden Misfits-Platten, also mit verstimmten gitarren und so. Und schließlich würden wir auch gerne ein paar kurze Lieder schreiben in der Art von „Adolf Hitler (dem sein Bart)“. Ihr habt ja vor kurzem mit der „Schönen Scheisse“ ein B-Seiten Album veröffentlicht. Warum? Johnny: Naja, viele Songs erschienen ja zum Teil in sehr limitierter Auflage und sind dementsprechend heute schwer zu bekommen. Mit der Kollektion kann also jeder für wenig Geld auch diese Songs haben. Bei der „Schönen Scheisse“ war ja auch der geile Schundroman dabei. Wie sieht es da mit momentan mit dem Streit mit dem Bastei-Verlag aus? Johnny: Ja, seit kurzem gibt es eine einstweilige Verfügung des Bastei-Verlages, dass wir das Buch nicht mehr verkaufen dürfen. Darum haben wir es hier auch nicht dabei, aber im Tourbus sind noch ein paar Exemplare, die wir dann in Österreich und der Schweiz verkaufen können, da dies ja andere Länder mit anderen Gesetzen sind. Übrigens kann ich verraten, dass auch „Schöne Scheisse Teil 2“ irgendwann erscheinen wird. Wir stehen da schon in Verhandlungen mit dem Autor. Apropos Rechtsstreit: Gab es eigentlich auch Reaktionen von Frau Merkel oder ihrem Anwalt auf den Song „Angela“? Und ist der Wischmob wieder mit auf Tour, der sah so lustig aus in Berlin? (Archi kommt hinzu) Johnny: Nein, der Wischmob ist nicht dabei auf Tour. Commander Starfuck übrigens auch nicht. Dem ist im Weltall der Sprit ausgegangen, und kann deshalb nicht dabei sein. Was Frau Merkel betrifft, die hat sich bei uns noch nicht gemeldet. Archi: Die wird sich gedacht haben, „Na ja, endlich macht auch mal jemand einen Song über mich und nicht nur über Schröder, Stoiber oder Bush“. Okay, ihr werdet ja auch mit den Jahren älter, während eure Musik bekanntlich ein eher jüngeres Publikum anspricht. Gibt es für euch auch manchmal den Punkt, an dem ihr euch denkt, dass zwischen euch und dem Publikum ein zu großer Unterschied besteht? Johnny: Ja, das kommt schon vor. Wenn ich vergleiche, wie ich mit 14 war, und wie die Kids heute mit 14 sind, dann sind das zwei komplett verschiedene Welten. Da fragst du dich schon manchmal, „Hey, was will ich denen überhaupt erzählen?“. Heute besteht ein viel größerer Leistungsdruck als früher. Das beginnt in der Schule, wo die Kinder schon auf ihren späteren Beruf schauen müssen. Was mache ich für einen Abschluss? Was will ich mal werden? Archi: Oder die Frage nach der Rente. Johnny: Ja, die Rente. Oder was will ich mal studieren? Wo mache ich meine Praktika? Archi: Als ich jung war, da war die Welt anders aufgebaut. Da gab es gut und böse, und in der Mitte war der eiserne Vorhang. Du konntest schauen, auf welcher Seite zu stehst. Ob du gut oder böse sein willst. Oder ob die Guten böse und die Bösen gut findest oder umgekehrt. Heute ist alles viel komplizierter. Heute musst du schon früh schauen, was du machen willst, und wie du in zehn Jahren leben willst. Damals war das viel lockerer. Früher gabs zwar auch die prolligen Mofa-Gangs und so, aber heute ist das alles krasser, z.B. wenn ich da nur an die ganzen Hip-Hop Gangs oder so denke. Seht ihr euch eigentlich als politische Band? Archi: Nein, wir sehen uns nicht als politische Band an. Wir sind eine Punkband. Wir versuchen den Kids auf den Weg zu geben „Hey, sieh dir das mal genau an oder jenes und denk mal drüber nach“. Wir sind auch keine Band die Love-Songs spielt. Natürlich haben wir unsere Meinung zu bestimmten Dingen und kritisieren Sachen, die uns nicht passen. Aber deswegen sind wir keine politische Band oder so. Wir wollen der Finger sein, der in den Wunden pult. Wie ist das eigentlich mit eurem Namen? Stoßt ihr damit immer noch auf Widerstände? Johnny: Naja, es ist so: Mit dem Namen „Terrorgruppe“ wird sich bei dir nicht Dickies oder Carharrt melden und fragen, ob sie dich ausrüsten können oder dir deine Tour sponsern. Schließlich will sich keine Firma in Verbindung mit dem Begriff „Terrorgruppe“ öffentlich präsentieren. Da haben es andere Bands relativ leichter, aber wir haben auch nicht so das Bedürfnis danach. Nachdem George Bush in Amerika seine Wahl gewonnen hatte, hieß es überall, dass ja jetzt die konservative Welle auch nach Europa rüberschwappen wird und auch die Jugendlichen wieder viel konservativer werden.. Denkst du das ist richtig und welche Auswirkungen wird das auf die Punkszene haben? Archi: Die Jugend ist heute bereits so was von konservativ, viel stärker als vor 20 Jahren. Und die Punkszene ist ja auch ein Teil dieser Jugend. Vielleicht zwar einer, der nicht so verzerrt ist, aber eben auch ein Teil. Johnny: Das geht ja schon damit los, dass wir, wenn bei uns eine Bestellung eingegangen ist, nach bereits zwei Tagen eine Erinnerungsmail bekommen, wo gefragt wird, wann die Bestellung endlich eintrifft. Wir sind doch kein Quelle-Versand. Ihr seit ja in der schwulen Punkszene sehr respektiert, weil ihr ja auch so ein bisschen mit Schwulsein kokettiert und… Archi: Wir kokettieren nicht damit, schwul zu sein oder so. Wir wollen damit nur provozieren. „Leftover Crack“ haben in einem Ihrer Songs mal behauptet, dass gerade die Ska- und Punkszene sehr homphob sei. Johnny: Ich weiß nicht, aber ich dachte immer, dass die Reggae-Szene am schwulenfeindlichsten ist? Archi: Naja, es ist schon komisch, wenn von der Punkszene Leute als „Schwuchtel“ oder „Fag“ bezeichnet werden. Auch unsere Fans hatten wir damit schockiert. Wir haben Mails bekommen, wo Leute uns geschrieben haben, dass sie nach der Veröffentlichung von „Neulich Nachts“ nicht mehr mit ihrem Terrorgruppe-Shirt in die Schule gehen wollten, weil sie deswegen als „Schwuchteln“ bezeichnet wurden. So, jetzt noch ein paar Fragen, die
mich persönlich interessieren: Archi: (lacht) Ich weiß nicht, für mich ist Fußball die paramilitärische Vorstufe der Bundeswehr. Ich war einmal im Stadion und das war so dermaßen langweilig. Wir haben aber auch mal für den St. Pauli gespielt. Es gibt da auch ein Lied… …“Der St. Pauli ist schuld daß ich so bin“? Johnny: und „Anders als wie ihr“ von der Gurkentruppe, aber das ist ja eine andere Band, die heißen ja ganz anders. 2. Müssen Groupies eigentlich Erklärungen unterschreiben, dass sie keine intimen Details ausplaudern? Schließlich würde sich doch das gemeine Volk sehr für so was interessieren. Johnny: Nein, so was müssen die nicht. Groupies sind ja Menschen, die ganz andere Bedürfnisse haben. Denen geht es ja nicht darum, dass zu erzählen. Problematisch wird es ja nur, wenn auch der Groupie prominent ist. Archi: Außerdem haben wir nicht sehr viele Groupies in der Band. Ihr könntet aber! Archi: Machen wir aber nicht. Da meine ich z.B. in Losheim auf der Deconstruction Tour euren Drummer anders wahrgenommen zu haben. Johnny: Okay, du hast recht. Unser Drummer fickt alles, was noch einen Herzschlag hat und bei 3 nicht weggerannt ist, durch. (Archi und Bottrop lachen; andere Gruppe, glaube Muff Potter, dreht sich um und schaut fragend rüber) ... Nein, wir reden von unserem Drummer, keine Angst.. Gibt es bei euch eigentlich Alkohol im Backstagebereich? Vor ein paar Wochen auf einem anderen Konzert (wobei ich den Bandnamen jetzt mal weglasse) fand sich im Kühlschrank nur Wasser, Saft, Cola und Red Bull. Archi: Naja, das ist ja auch eine Einstellung. Diese Band, die hat ja auch eine Hochleistungsshow. Die legen bei einem Konzert ja auch Kilometer auf der Bühne zurück. Da muss man fit sein. Ich persönlich trinke gerne zum Abendessen ein Glas Rotwein. Ihr haltet also nicht so viel von Straight Edge? Johnny: Naja, dass kann man so nicht sagen. [Es folgt ein kleiner historischer Abriss über Minor Threat und andere Bands, den ich aber beim besten Willen nicht rekonstruieren kann]. Das lustige ist ja, dass diejenigen Kids, die sich „Straight Edge“ nannten, ja sowieso nicht Alkohol beim Konzert trinken konnten, da sie unter 21 waren. Und viele Bands, die dann auch über 21 wurden und vorher Straight Edge waren, haben dann später viel Alkohol getrunken. Archi: Das da Regeln aufgestellt wurden fand ich immer schon doof. Zum Abschluss noch eine Frage: Johnny, was hast du eigentlich studiert? Johnny: Ernsthaft studiert habe ich mal vier Semester Volkswirtschaftslehre. Archi: Darum hieß er auch „der Student“ bei uns. Dann hast du aber ein Vordiplom in VWL?!? Johnny: Ja, so ist es. Dann habe ich aber andere Sachen gemacht, z.B. auch bei Destiny gerabeitet, da kam ich mit anderen Bands in Kontakt, und da hat das ganze mir dann einfach keinen Spaß mehr gemacht. Natürlich bin ich noch wegen dem Studenten-Ticket der BVG noch so lange wie möglich eingeschrieben geblieben. Archi: Ich habe mir ein paar Jahre lang meine Studententickets in Thailand fälschen lassen. Da stand dann drauf, dass ich an der ZU Berlin (Anm.: Natürlich gibt es keine ZU, sondern nur eine TU oder FU) studieren würde. Johnny:
Naja, das Jahr ist ja fast rum, da kann ich es ja auch sagen: Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt. (interview by: Michael Schidler
und Bär) |