Der
abgedroschene Ausdruck Mann von Welt trifft wohl auf die
Wenigsten so gut zu wie auf Manu Chao. Der französische Musiker
war schon immer auf der Suche nach ständig neuen Eindrücken,
was sich nicht nur auf seine Musik sondern auch den kulturellen Austausch
bezieht. Mit seinen oftmals wechselnden musikalischen Begleitern hat
er etliche Länder besucht, sich in entlegene Dörfer und
Slums vorgewagt, um mit seiner Musik auch die ärmsten der Armen
zu erreichen und als mobiler Konzertsaal mussten dafür auch schon
einmal ein Schiff oder Zug herhalten. In diesem Jahr war Manu Chao
nach längerer Abstinenz endlich auch wieder im deutschsprachigen
Raum live zu bestaunen. So spielte er bereits auf Festivals wie dem
Hurricane, Southside und dem Nuke in Österreich. Für den
Herbst steht nun eine große Europatour auf dem Programm mit
insgesamt 5 Terminen in Deutschland. Im Gepäck hat Manu Chao
dabei das
Radio Bemba Soundsystem und natürlich
sein kürzlich erschienenes Album „La Radiolina“.
Über dessen Entstehung spricht er auch im nachfolgenden Interview,
außerdem über Jack Johnson,
Nikola Sarkozy, Mario
Caldato und das Glück seiner Leidenschaft nachgehen zu
können und dafür auch noch bezahlt zu werden ...
Warum heißt dein neues Album "La Radiolina"
?
Manu
Chao:
Ich denke ich habe immer kleine Radios kreiert. „Clandestino“
war eine Art Radio und "Próxima estación"
auch. Der Name steht für alle drei Alben und es wird auch diesmal
keine Pausen zwischen den Songs geben, so wie im Radio.
Um welches Thema geht es in der ersten Single "Rainin in
Paradize" ?
Manu
Chao: Es
ist eine Art Momentaufnahme, wie ich aktuell die welt sehe. Es gibt
so viele Grausamkeiten. Ich spreche nur wenige Punkte davon an, denn
wenn ich über all diese Probleme sprechen wollte, wäre der
Song wohl eine halbe Stunde lang.
Viele deiner Fans kennen Teile der Songs
schon, zum Beispiel den Track "Siberia"…
Manu Chao: Das ist die spanische Version. Wir haben
bereits in Frankreich eine Version namens "Siberie m’était
contée" raus gebracht. Das stand im Zusammenhang
mit einem Buch, das ich mit einem Freund aus Polen (Jacek Wozniak)
nur in Frankreich veröffentlicht habe. Er ist ein sehr guter
Zeichner, so eine Art Genie. Wir haben das Buch zusammen gemacht und
es gab eine CD mit französischen Songs als Beilage. Darauf auch
eine Version von „Siberie“.
Was hast du noch in der letzten Zeit
gemacht?
Manu Chao: Zunächst waren wir viel on Tour mit
“Radio Bemba”, in Europa, Osteuropa, wir waren in Japan,
viel in Südamerika und natürlich in Nordamerika. Außerdem
haben wir ein Live-Album mit Radio Bemba gemacht.
Der Sound ist anders als auf deinem
letzten Album.
Manu Chao: Manche Leute, die das Album schon gehört
haben, sagen, es erinnere Sie an den Stil von Mano Negra. Für
mich ist das ein Lob.
Welche Musiker haben bei diesem Album
mitgemacht?
Manu Chao: Alle, die mit mir sind, also die gleichen
Leute, wie in den letzten Jahren. Es sind derzeit nicht so viele.
Zur Zeit geht es vor allem um Radio Bemba. David spielt Drums und
Gamba am Bass, seit vielen Jahren. Garbancito ist jetzt wieder mit
dabei, der mit mir schon bei Mano Negra gespielt hat und dann haben
wir noch Madjid, den besten Gitarristen der Welt.
Bei der Produktion hat dir Mario Caldato
geholfen, der sonst mit den Beastie Boys und Jack Johnson arbeitet.
Manu Chao: Mario Caldato, ich habe ihn in Brasilien
getroffen, wo ich sehr oft bin. Caldato ist aus Brasilien. Ich habe
ihn kennen gelernt und wir sind Freunde geworden. Er war mir bei der
Produktion behilflich, denn das ist ein Bereich, in dem ich manchmal
etwas Hilfe gebrauchen kann.
Gehört Jack Johnson zu deinen Vorbildern?
Manu Chao: Ich mag ihn. Ich mag die Einfachheit
und in meinen Augen ist er ein guter Professor, denn seine Musik ist
wie ein kleiner Fluß und das ist naturgemäß etwas
Gutes.
Du nennst den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy
„little Bush".
Manu Chao: Oh ja! Ich lebe in Spanien und wir haben
jahrelang mit unserem eigenen little Bush gelebt. Genauso wie die
armen Italiener und nun auch noch Frankreich. Ich bedauere das sehr
und es beunruhigt mich. Man muss abwarten, was dort nun passiert aber
ich sehe keine guten Perspektiven.
Wie schreibst du deine Songs?
Manu Chao: Dafür hab ich keine genaue Vorgehensweise.
Manchmal sind die Ideen einfach plötzlich da aber das ist eher
selten. Wenn es passiert, ist das schön. Auch wenn man einen
Text schreibt, geht es manchmal wie von selbst immer weiter. Oft braucht
man nur den richtigen Wink. Manchmal dauert es fünf Jahre, einen
Song fertig zu bekommen und manchmal nur fünf Minuten. Man weiss
es vorher nie.
Setzt dich das unter Druck, wenn du
an einem neuen Album arbeitest?
Manu Chao: Das ist es, was so schön ist bei
uns, wir haben einfach keine Regeln. Die Music zu finden ist leichter
als die Lyrics, weil wir Musiker gerne einfach drauf los spielen.
Für einen guten Text finde ich oft mehrere musikalische Ansätze
und die nutze ich auch oft.
Wie sammelst du die Ideen?
Manu Chao: Ich mag es, den Moment einzufangen. Das
ist auch der Grund, warum ich immer ein Tonband dabei habe. Wann immer
ich eine Idee oder Textzeile im Kopf habe, nehme ich sie auch im nächsten
Moment auf. Manchmal kommt was Gutes dabei raus, manchmal nicht. Doch
wenn es gut ist und ich mir es später wieder anhöre, erinnere
ich mich daran, wo ich es aufgenommen habe, wo es geboren wurde. Das
mag ich.
Du verwendest viele deiner Ideen mehrfach.
Manu Chao: Oh ja und deshalb werde ich von manchen
Leuten kritisiert. Ich mag es aber zu recyclen. Nicht nur in der Musik,
ich denke Recycling ist ein wichtiges Thema, es ist etwas, das wir
in der heutigen Welt tun müssen. Rycyle oder stirb.
Du beziehst dich auf Bereiche außerhalb
der Musik?
Manu Chao: Jeder muss lernen zu recyclen. Dabei
geht es nicht nur um Musik. Es gibt schon zu viele Konsumenten und
das Fernsehen sagt den Kids ständig, dass es da wieder etwas
neues gibt, das man unbedingt haben muss. Ich kann diese Diktatur
der Neuerungen nicht akzeptieren. Was neu ist, ist nicht unbedingt
besser. Es kann gut aber auch ebenso schlecht sein.
Das ist auch in der Musik so ...
Manu Chao: Ich benutze einfach meine kleinen Spielzeuge,
meine kleinen musikalischen Spielzeuge. Das mache ich solange ich
Spaß daran habe und mir ist egal, ob die vorher ein, zwei, drei
oder viermal benutzt wurden. Wenn die Leute die neue CD hören,
werden sie auf vieles stoßen, was man von mir schon gehört
hat. Da gibt es diesmal vieles.
Du sprichst eine große Zielgruppe
an ...
Manu Chao: Sicher ist, daß die unterschiedlichsten
Leute zu unseren Shows kommen. Da sind Kids, Teenager, Männer
und Frauen und ältere Leute aus allen Schichten. Das ist es,
was wir an unseren Shows sehr mögen.
Im Song "La Vida Tómbola"
versetzt du dich in Diego Maradonas Lage?
Manu Chao: Der Song handelt schon von Diego aber
es geht auch um das Glück im Leben, die Tombola. Man kann gewinnen
und man kann verlieren, das ist wie in einem großen Casino in
Las Vegas. So ist das Leben und Diego ist ein gutes Beispiel dafür.
Wie sieht es mit deinem Leben aus?
Manu Chao: Ich habe schon sehr viel Glück im
Leben. Ich arbeite aber auch hart dafür und habe viel Durchhaltevermögen.
Doch das Leben hat mir eine Menge gegeben.
Was ist dir wichtig?
Manu Chao: Wirklich wichtig ist mir, neben meiner
Familie, meinen Freunden und meiner Liebe, daß ich als Teenager
eine Leidenschaft hatte. Ich bin immer noch leidenschaftlich bei der
Sache und das ist mein Job. Ich habe mir aus meiner Leidenschaft mein
Leben kreiert, das ist ein großes Glück.
Du bist also privilegiert?
Manu Chao: Viele Leute müssen hart arbeiten
um etwas Geld zu verdienen und können nur danach oder am Wochenende
ihrer Leidenschaft nachgehen. Bei mir ist es so, dass ich dafür
auch noch bezahlt werde. Dafür kann ich mich glücklich schätzen
und deshalb arbeite ich auch soviel.
Wie triffst du deine Entscheidungen?
Manu Chao: Ich verlasse mich bei meinen Entscheidungen
vor allem auf meine Instinkte, das hat mich schon oft gerettet.
Du bist dauernd auf Tournee. Wie hältst
du dich fit?
Manu Chao: Ich versuche in Form zu bleiben, mit
meiner Art von Meditation, Atemübungen und Gymnastik.
Du bist in Paris geboren, lebst aber
in Spanien und bist auch viel in Brasilien bei deinem Sohn. Du stellst
dich als Weltbürger dar. Welchen Pass hättest du gern?
Manu Chao: Auf eine gewisse Art und Weise wäre
ich auf jeden Pass der Welt stolz. Ein Pass ist reine Bürokratie.
Ich wäre sehr froh, wenn ich gar keinen Pass bräuchte. Ich
habe einen französischen und einen spanischen Pass aber es könnte
auch ein mexikanischer oder brazilianischer Pass sein. Das ist reine
Bürokratie.